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31307 005 - Harry Potter - tarman 06. April 2012 00:10:44

Kennen Sie diesen Namen? Natürlich, Sie kennen ihn. Das sind die Bücher, mit denen Ihre Kinder Sie überrascht haben. Sogar Kinder, die bisher nicht einmal wußten, wie man so ein Buch einschaltet, kamen plötzlich auf die in Ihrer Familie völlig abwegige Idee, ein solch dickes Buch zu... LESEN!

Diese Bücher schienen ansteckend zu sein. Denn das erste genügte nicht, nein, bisher völlig normale Kinder, die das taten, was Kinder in diesem Alter tun, nämlich vor einem Bildschirm zu sitzen und mittels indizierter Videospiele drauflos zu ballern, verlangten die Fortsetzung! Band 2, Band 3, Band 4 und Band 5, alle schön gebunden, einer dicker als der andere, jeder ein wenig teurer als der Vorgänger... Und natürlich wollten die lieben Kleinen um Mitternacht in die Buchhandlung, um ja am allerersten Tag schon das begehrte Buch in den Händen zu halten.

Gegen den plötzlichen Ausbruch eines längst überwunden geglaubten Verhaltens ist nichts zu sagen. Lesen ist immer besser als ballern. Das könnte unser Außenminister ruhig mal dem amerikanischen Präsidenten Bush erklären.

Aber wir leben trotz dieses kulturellen Rückfalls im 21. Jahrhundert. Ein Karl May hat niemals einen Winnetou-Film gesehen. Er hatte auch nie eine Winnetou-Figur aus Plastik in der Hand oder ein Indianer-Lager aus Lego-Bausteinen. In der Version Harry Potter gibt es das alles. Und die lieben Kleinen kaufen und lassen kaufen. Gerne einen Zaubererumhang, einen Zaubererhut, einen Besen... Aber wehe, Sie schlagen einmal vor, mit diesem Besen zu kehren! Dann müssen Sie nachsitzen und das Buch lesen. (Oder dem Hörbuch lauschen, falls Sie keinen Rückfall in vergangene Kulturepochen auf sich nehmen und archaische Kulturtechniken rundweg ablehnen.)

Da die Autorin Joanne K. Rowling dummerweise aus Groß-Britannien stammt, entschlossen sich unsere amerikanischen Freunde, wenigstens die Filme zu produzieren. Drei Stück sind es mittlerweile und die jugendlichen Hauptdarsteller haben schon jetzt finanziell ausgesorgt. In drei Tagen, am 27. November 2004, kommt das Video / die DVD des dritten Filmes in den Handel - und damit wissen Sie, wieso das zum Thema des Prangers wurde.

Diese Kolumne ist weltoffen, gutherzig und erklärt bereitwillig, was andere Ihnen nicht zu erklären wagen.

In der guten alten Zeit erschien jedes Jahr ein neues Harry-Potter-Buch. Die Eltern konnten den Betrag dafür ansparen, ebenso für die neuen Utensilien basteln, die ganz nebenbei von den jugendlichen Fans benötigt wurden. Aber damals war ja auch noch die Queen die reichste Frau von England und J. K. Rowling pflegte die schöne Geschichte von der schreibenden Sozialhilfe-Empfängerin.

Inzwischen fließen die Tantiemen reichlicher auf ihr Konto als für alle englischen Sozialhilfe-Empfänger zusammen. Da braucht sie sich auch nicht mehr mit dem mühsamen Schreiben von Büchern durchzuschlagen. Neben den weltweiten Verkäufen der alten Bücher sprudelt es aus den Filmrechten und, ja, auch wenn Ihre Kleinen sich am Samstag die DVD erquengeln, sprudelt es weiter.

Damit der angedrohte Band 6 nicht die Einnahmen aus dem Verkauf von Videos und DVDs drückt, dürfen die lieben Kinderchen und sonstigen Fans noch eine Weile darauf warten. Die Einnahmen müssen kontinuierlich fließen, ganz klar. Also nächstes Frühjahr Band 6 in Englisch, im Frühsommer Band 6 in Deutsch, im September Film Nummer 4, Video / DVD dazu im November und rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft eine neue Lego-Kollektion über Hogwarts. So zieht man das Geschäft auf.

Nun bin ich der Muttersprache der Autorin insoweit mächtig, daß ich mir die Originale zugelegt habe. Diese unterliegen nicht der deutschen Buchpreisbindung und kosten neu nur die Hälfte dessen, was bei uns hingeblättert werden muß. Wer aufmerksam liest, stellt fest, daß sich Band 5 im Stil von den Vorgängern deutlich unterscheidet. Die Sprechweise der Hauptfiguren hat sich verändert, der Wortschatz ist weitaus anspruchsvoller als zuvor. Auch die Persönlichkeiten agieren anders.

Aber es ist schließlich ein Harry-Potter-Buch. Von Joanne K. Rowling. Wäre es ein Perry-Rhodan-Heft, wäre es nicht nur preiswerter, es gäbe auch eine Erklärung für die Unterschiede. Denn da schreibt ein Team von Autoren, die sich alle ein klein wenig im Stil voneinander unterscheiden. Sicher, der Chefredakteur bügelt die groben Fehler aus, aber kleine Unterschiede gibt es. Ach ja - und die Autoren der Perry-Rhodan-Serie sind Muster an Pünktlichkeit. Jede Woche ein neues Heft, seit über 40 Jahren.

Aber mit Perry Rhodan ist ja auch kein Autor reicher geworden als das Staatsoberhaupt. J.K.R. kann es getrost ruhiger angehen lassen. Die Leser zahlen, also warum sich um dieses spendable Kleinvieh bemühen? Und sollte der Ghostwriter - falls es einen gibt - mal Ladehemmung haben, bekommt er bestimmt innerhalb von 14 Tagen einen Termin bei Ihrer Majestät, der namensgebenden Ur-Autorin.

An der Universität lernt man, wie man... Nein, nicht wie man schreibt. Dort lernt man, wie man mit einem begehrten Produkt Geld scheffelt. Im Fachbereich Betriebswirtschaft. Wird ein begehrtes Gut künstlich verknappt, kann man die Preise dafür erhöhen. Deshalb wird Band 6 bestimmt nicht billiger als Band 5. Und wenn ein solches begehrtes Gut nicht verfügbar ist, kaufen die willigen Verbraucher ein Ersatzprodukt - in diesem Fall Videos oder Spielsachen. Ganz nach Lehrbuch.

Leider hat die Dame ihr Produkt unbedacht begrenzt. Harry Potter lernt nur sieben Jahre auf seiner Zauberschule, was bei einem Buch für jedes Schuljahr nur sieben Bücher ergibt. Auch das ist ein Grund, die Erscheinungsfolge der Bücher ein wenig zu dehnen. Je länger diese Serie läuft, desto länger können die Kaufleute daran mit Merchandising verdienen.

Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Frau Rowling kann sich vorstellen, nach Band 7 weiter zu schreiben. Oder schreiben zu lassen, was uns Lesern aber nicht auffällt, falls wir nicht zu kritisch ans englische Original heran gehen. Eine hervorragende Idee, einfach weiter zu schreiben, denn schließlich gibt es Leute, die noch viel reicher sind als die Queen. Heißt da nicht irgend jemand Bill Gates?

Also, liebe Eltern, keine Sorge. Die nächsten 15 Jahre sind die Weihnachtsgeschenke sicher. Fragen Sie einfach regelmäßig nach Harry Potter. Wenn nicht den Buchhändler, dann den Spielzeughändler, den Kleiderhändler, den Lebensmittelhändler... und Ihren Bankberater, falls J.K.R, an die Börse gehen sollte.


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