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31310 008 - Hohelied der Demokratie - tarman 06. April 2012 00:13:14

Zugegeben, wir merken es meistens nicht. Oder besser: Wir wollen es einfach nicht merken. Wir leben im besten aller Staaten, unter der besten aller Regierungsformen, die es auf deutschem Boden je gegeben hat. Das zeigt schon ein einfacher Vergleich mit dem Jahr 1904. Das liegt nicht nur lächerliche hundert Jahre zurück, sondern förmlich auf einem anderen Planeten. Damals regierte in Deutschland noch ein Kaiser... Ja, das war so ein Typ mit einem Schnurrbart, dessen Enden so spitz gezwirbelt waren, daß man sich daran hätte schneiden können. War überhaupt ein schneidiger Mann, der Kaiser. Fast so schneidig wie... äh, ja, wen hätten wir da heute in Berlin? Ach ja, wie Joschka Fischer. Also nicht wie Herr Außenminister Josef Fischer heute, sondern wie der echte Joschka, damals, als Steinewerfer, 1968 oder so. Aber da sieht man mal, wie der Zahn der Zeit an einem nagt. Aus dem tapferen Joschka wurde 36 Jahre später ein tunlichst auswärtiger Vizekanzler und aus dem schneidigen Kaiser ein Asylant in den damals gerade von Deutschland eroberten Niederlanden.

Bei den Berichten aus dem Jahr 1904 bin ich leider gezwungen, sehr oft das Wort "deutsch" zu verwenden. Die Zeit war halt leider so... eben deutsch und engstirnig. Damals lebten die Türken noch am Bosporus, Hottentotten und Kaffern (wie man unsere Mitmenschen mit dunkler Hautfarbe damals nannte) in Afrika und in Deutschland erschreckend viele Deutsche. Pizza und Spaghetti kannte niemand. Welche Segnungen hat uns dagegen unser heutiges multikriminelles Völkergemisch gebracht! Schrieb ich gerade multikriminell? Das sollte natürlich multikulturell heißen. Deshalb unterscheiden wir auch lieber nicht in den offiziellen Kriminalstatistiken. Sonst könnte ja herauskommen, daß 80% der Gewaltverbrechen von Ausländern verübt werden und 85% der Opfer Deutsche sind. Aber dafür haben wir Pizza und Spaghetti bekommen, an jeder Ecke ist eine Döner-Bude zu finden und um eine Moschee zu besuchen, reicht eine Fahrt mit der Straßenbahn. Aber bitte nicht am Freitag, da würden wir unsere ausländischen Mitbürger beim Gebet stören. Und auch nicht abends, in der Dunkelheit. Da sind diese Gäste in unserem Lande gerne unter sich.

Militär

Überhaupt, die Kaiserzeit... Da mußte jeder zum Militär. Waffendienst war Ehrendienst am Vaterland. Die Armee schützte deutsche Interessen im Deutschen Reich, in den deutschen Kolonien - und wenn es sein mußte, auch in China. Bei diesem Besuch in China sprang auch gleich eine nette kleine Kolonie heraus. Dort brauen sie sogar heute noch Bier nach deutschen Rezepturen. Heute hingegen ist die Bundeswehr viel liberaler. Zum Dienst an der Waffe muß nur noch, wer absolut keinen Grund findet, ihn abzulehnen. Söhne reicher Eltern belästigt man erst gar nicht, die müssen sich schließlich auf die Führungsaufgaben im elterlichen Betrieb vorbereiten. Söhne von Politikern auch nicht, weil... äh, ja. Verheiratete junge Männer kann man nicht brauchen und körperlich Untüchtige auch nicht. Natürlich werden keine Söhne von ausländischen Mitbürgern eingezogen. Braucht man auch nicht, die können auch so ganz gut mit Messern, Schlagringen und anderen Waffen umgehen. Dafür schützt die heutige deutsche Armee amerikanische, britische oder sonstige Interessen am Hindukusch oder in Somalia. Anders als zu Kaisers Zeiten wird dabei keine neue Kolonie herausspringen. Und das Bierbrauen werden sie dort auch nicht lernen. Also nur Kosten, keinen Nutzen durch diesen Einsatz.

Eisenbahn

1904 benutzte der Bürger für weitere Strecken ganz selbstverständlich die Eisenbahn. Die war damals pünktlich wie... ach ja, pünktlich wie die Eisenbahn. Damals, vor hundert Jahren. Dafür wurden die Fahrgäste mit vier Wagenklassen diskriminiert. Bei der Bahn arbeiteten nur Beamte, weil die deutsche Regierung die Bahn als Staatsunternehmen führte, um die dabei anfallenden hohen Gewinne (1904!) der Staatskasse zuzuführen. 2004 hingegen ist die einstige Bundesbahn längst privatisiert. Was bedeutet, daß der Staat die Strecken bezahlt und die Verluste übernimmt, ein Herr Mehdorn aber wie jeder andere Manager auch bahneigene Jubelfeiern im teuersten Berliner Hotel abhalten kann. In Zeitalter von Computerüberwachung und Atomuhren schafft es die "Deutsche Bahn", die meisten Züge mit weniger als einer Stunde Verspätung fahren zu lassen. Dafür herrscht in den Zügen eine fast klassenlose Gesellschaft. Die Politiker in der ersten Klasse kommen genauso verspätet ans Ziel wie ihre Wähler in der zweiten Klasse. Und noch etwas bietet die privatisierte und entstaatlichte Deutsche Bahn: Vorstandposten! Diese besetzt man mit fähigen Leuten. Also am besten mit Politikern, die gerade ihren Job verloren haben und ihre Pensionen aufbessern möchten.

Beamte

Unter dem Kaiser waren deutsche Beamte ein Muster der Engstirnigkeit und der Unbestechlichkeit. Beamte empfanden sich selbst als Obrigkeit und alle anderen waren vor ihnen gleich. Die Vorschriften galten für den Tagelöhner ebenso wie für Gutsherrn. Und wer versuchte, sich diese Obrigkeit durch kleine Geschenke geneigt zu machen, der fand sich schnell an der Spitze eines gezückten Degens wieder, der damals zur Uniform der höheren Beamten gehörte. Heute ist das System viel offener. Wenn man nicht gerade Hartz-IV-Empfänger, Verkehrssünder oder ohne Anwalt ist, behandelt einen kein Beamter mehr von oben herab. Nein, es geht menschlicher zu. Alles ist ein Geben und Nehmen. Höchstens unfreundliche Presseleute sprechen da von Korruption. Aber niemand in Deutschland braucht gegen Gesetze zu verstoßen. Ein paar kleine Zuwendungen, ein paar Aufmerksamkeiten an gestreßte Parlamentarier - und schon werden Vorschriften und Gesetze viel freundlicher verabschiedet. Im Gegensatz zu 1904 bemüht sich die Verwaltung heute um Bürgernähe - vor allem, wenn diese Bürger begütert sind.

Vetternwirtschaft

Der Kaiser hatte direkten Einfluß darauf, wer in seinem Reich Minister wird. Ganz klar, er hat seine Freunde begünstigt. Also Freunde, die woanders nichts geworden sind oder abgewählt wurden. Die nur aus Freundschaft auf Posten gehievt wurden, für die ihnen jede Fähigkeit fehlte, sie auszufüllen. Wie Stolpe, Klimmt, Bodewig, Eichel und Lafontaine. Oh, Verzeihung, die gehören ja gar nicht ins Jahr 1904. Der Kaiser hat seine Freunde eher zu Generälen, Baronen, Grafen und Fürsten ernannt. Das war viel angesehener als so ein einfacher Minister. Da der Bundeskanzler das nicht kann, ernennt er seine Freunde zu Ministern. Ist es nicht schön, daß ein Taxifahrer Außenminister werden kann? Oder eine Hauswirtschaftslehrerin Gesundheitsministerin? Oh - das war ja vor 2004. Immerhin hat diese Hauswirtschaftslehrerin nicht die saublöde Frage gestellt: "Was sind denn schon zehn Euro?" Was zeigt, daß sie die Grundlage des Wirtschaftens besser verstanden hat als ihr Vorgänger. Ja, wir sind eine offene Gesellschaft. Und wenn ich mir mal den Blindarm rausnehmen lassen muß, gehe ich zu einem Holzhacker. Da geht das ruck-zuck. Und ich folge so den Prinzipien, nach denen heutzutage Minister ausgeguckt werden. Dazu war der Kaiser einfach zu doof. Der beschränkte sich auf Fachleute.

Steuern

Das Kaiserreich finanzierte seinen Beamtenapparat, seine Armee und diverse Apanagen zumeist aus Zöllen. Die Einkommensteuer betrug 4% (vier Prozent), aber die bezahlten nur ganz Reiche. Jene durften auch die Sektsteuer bezahlen, mit denen Seine Majestät die Deutsche Hochseeflotte finanzierte. Nun, die Flotte ist längst versenkt, aber die Steuer haben wir immer noch. Diesmal sind die Steuern viel demokratischer. Nicht nur die so oft diskriminierten Reichen bezahlen Einkommensteuer, sondern wir alle. Vielleicht nicht alle 45%, aber viel mehr als zu Kaisers Zeiten. Und sollten wir nach dem Bezahlen dieser Steuer noch Geld übrig haben, bezahlen wir auf ziemlich viele Dinge 16% Mehrwertsteuer (und auf die übrigen immer noch 7%). Wer im Mittelalter solche Steuern von seinen Untertanen erhoben hätte, wäre exkommuniziert worden - oder von diesen Untertanen aufgehängt. Aber wir sind eine Demokratie, deshalb bezahlen wir diese Steuern bereitwillig. Damit unsere Abgeordneten erster Klasse in der Eisenbahn fahren und als VIPs um die Welt fliegen können. Oder für deren Zweitwohnung in Berlin, was natürlich auch dann bezahlt wird, wenn der Abgeordnete ohnedies schon in Berlin wohnt. Und für Aufwandsentschädigung, Krawattengeld, Schreibmittel... Weil unsere Regierigen so gut versorgt werden, sind sie auch gegenüber anderen großzügig. Die EU existiert, weil Deutschland bezahlt. Dank der EU können wir unsere Waren im befreundeten Ausland absetzen. Genau wie vor 100 Jahren das Kaiserreich. Nur ohne dafür Tribute an jene Länder zu bezahlen. Diese Tribute sind eine der Segnungen der Demokratie.

Arbeitsplätze

Den Leuten im Kaiserreich fehlte die Phantasie. Die haben Waren in Deutschland produziert, "Made in Germany" darauf gestempelt und weltweit verscherbelt. Was von außen hereinkam, wurde mit Zöllen belegt und damit verteuert. Das taten die anderen Länder auch, trotzdem war Deutschland kurz davor, den Titel des "Exportweltmeisters" zu erringen (1913). Heute hingegen hat man Fantasie (wie man sie inzwischen schreibt). Da werden Teile in Ungarn, Rumänien, China, Taiwan und Singapur produziert, nach Deutschland exportiert und zusammengesetzt. Hier kommt noch der Stempel "Made in Germany" drauf - und die Leistungsprämien für jene Manager, die deutsche Arbeitsplätze erfolgreich ins Ausland verlagert haben. Zölle sind abgeschafft, dafür erheben die Länder Mehrwertsteuer. Deshalb lohnt sich die Fertigung im Ausland. Wenn auf diese Einzelteile Zölle lägen, würde man lieber zollfrei in Deutschland produzieren. Aber das ist das engstirnige Denken der Vergangenheit. Heute überweisen Großfirmen ihre Verluste nach Deutschland, um ihre Steuern hier im Land auf Null zu drücken, und lassen ihre Gewinne im Ausland anfallen, weil die dortigen Regierungen alles tun, damit in ihren Ländern Arbeitsplätze entstehen.

Kinder

Die Kinder sind unsere Zukunft... sagte man einmal. 1904 vertrauten die Menschen auf die Zukunft. 10, ja 15 Kinder in der Familie waren keine Ausnahme. Sogar der Kaiser zeugte fünf Söhne. 2004 sind schon zwei Kinder über dem Durchschnitt und der Kanzler adoptierte eine Tochter. Dafür gehört diesen Kindern unsere ganze Aufmerksamkeit. Die der Eltern, jedenfalls, Deshalb haben diese Kinder auch einen eigenen Fernsehapparat in ihrem Zimmer, eigene Computer, Videospiele, Designer-Jeans und alles, was Geld kaufen kann. Damit sie sich in ihren Zimmern selbst beschäftigen und die Eltern nicht dabei stören, ihre volle Aufmerksamkeit den Kindern zu widmen. Gut, die lieben Kleinen denken, daß Kühe lila seien und Pommes Frites in Tiefkühltruhen wachsen, aber das ist nicht so schlimm. Schlimm ist nur deren Undankbarkeit. Die Rangen bekommen viel mehr als ihre Vorgänger 1904. Und trotzdem versagen sie regelmäßig bei den PISA-Studien (siehe „PISA-Studie“, vom 7.12.2004).

Erziehung

In jenen verklärten alten Tagen der Schulmeisterei regierte in den Klassenzimmern der Rohrstock. Und Kinder, die vom Lehrer verprügelt wurden, bekamen von ihren Eltern noch einen Nachschlag, weil diese davon ausgingen, daß die lieben Kleinen das verdient hatten. Damals bekamen die Kinder ihre erste Erziehung von der Großmutter, die ganz selbstverständlich im Haus wohnte - und tagsüber dort blieb, weil sie zu gebrechlich war, um auf dem Feld noch von Nutzen zu sein. Heute sitzt die Oma im Altersheim oder hat wenigstens eine Wohnung weit weg von ihren Enkeln. Statt dessen übernimmt die Erziehung der Fernsehapparat. Auf das Leben bereiten Rambo, der Terminator und Freddy Krüger vor. Damit die Kinder nicht stören, haben sie ein eigenes Gerät in ihrem Kinderzimmer stehen. So können sich die Eltern von ihrem Berufsalltag erholen, den sie auf sich nehmen, um den Zweitwagen und die drei jährlichen Fernreisen zu finanzieren.

Staatsoberhäupter

Wilhelm II. hatte es leicht. Sein Vater war Kaiser, sein Großvater war Kaiser und die Vorfahren davor waren Könige gewesen. Die haben ihm Schlösser, Grundbesitz und Geld vererbt. Der Kaiser war Milliardär. Er brauchte auch keine Pension, da er bis zu seinem Ableben Dienst tat. (Ursprünglich, leider mußte er 1918 abdanken - aber auch als abgedankter Kaiser bekam er von seinem nun demokratischen Volk keine Pension.) 2004 sind wir moderner. Natürlich. Wir bezahlen die Pensionen von Walter Scheel, von Richard von Weizsäcker, von Roman Herzog und von Johannes Rau. Das waren alles mal Staatsoberhäupter, und selbst wenn sich keiner mehr daran erinnert, was diese als Nachfolger des Kaisers eigentlich getan hatten, sie beziehen heute Pension. Ehrensold nennt sich das. Der Kaiser wurde von Geburt an auf sein Amt vorbereitet. Er lernte Sprachen, mußte sich körperlich ertüchtigen, wurde mit anderen Staatsoberhäuptern zusammengebracht - er war also ein richtiger Lehrling. Heute wird jener Politiker Staatsoberhaupt, der in harten Kungelrunden als ungefährlich für den laufenden Politikbetrieb ausgewählt wurde (Horst Köhler). Oder jener, den man ohne dieses Zugeständnis nicht dazu gebracht hätte, seinen Posten zu räumen (Johannes Rau). Oder eben dafür, daß er eine andere Regierung herbeigeführt hatte (Walter Scheel, Bundespräsident von 1974-79, seitdem fröhlicher Pensionär). Eine richtige Vorbereitung auf das Amt gibt es nicht mehr. Aber das ist auch nicht nötig. Politiker sind immer zu allem fähig.

Schulen

Man stelle sich ein Land vor, das moderne, leistungsfähige Schulen besitzt, ein Ausbildungssystem, um das alle anderen Staaten dieses Land beneiden und Universitäten, deren Wissenschaftler weltweit führend sind. Nein, nicht Finnland, nicht USA - sondern Deutschland. Allerdings 1904, zu Kaisers Zeiten. Inzwischen wurden deutsche Schulen modernisiert. Statt des alten dreigliedrigen Schulsystems wurden moderne Gesamtschulen eingeführt. Und die berühmten 68er haben den Muff von 1000 Jahren sehr entschieden unter den Talaren weggekehrt. Nur sind leider unsere Schüler und Studenten für diese hohen Weisheiten einfach zu... Nein, das kann nicht sein. Die 68er haben uns doch gelehrt, daß alle Schüler gleiche Leistungen erbringen, wenn man ihnen nur die gleichen Chancen einräumt. Leider haben sich diese Weisheiten nicht bis Finnland, Singapur oder Japan herumgesprochen. Sonst wären die keinesfalls besser als wir in den PISA-Studien. Aber vielleicht überarbeiten die jetzt in den Machtpositionen angekommen 68er diese rückständigen Testverfahren. Ab dann sind wir wieder Weltspitze. Ach ja - 1904 hatten die Reichen alle Hauslehrer, wodurch sie mit dem gewöhnlichen Volk und dessen Schulen nicht in Berührung kamen. 2004 ist das ganz anders. Da gehen die Sprößlinge der Reichen schön brav in ihre Elite-Internate, wo sie mit dem gewöhnlichen Volk und dessen Schulen nicht in Berührung kommen.

Minister

Während 1904 Minister ernannt wurden - nach ihrer fachlichen Qualifikation, also so wie heute noch in den USA - werden sie heute bei uns nach Parteibuch ernannt. Das ist ein einzigartiges Verfahren, um neue und einzigartige Ideen in eingerostete Fachbereiche zu bringen. Also freuen wir uns darüber, daß Wehrminister Peter Struck ein gelernter Rechtsanwalt ist, Finanzminister Hans Eichel einstmals als Studienrat gearbeitet hat, Super-Wirtschafts- und Sozialminister Wolfgang Clement als Journalist (mit Jura-Studium) angefangen und Umweltminister Jürgen Trittin Sozialwissenschaften studiert und seine politische Grundausbildung im "Kommunistischen Bund" erfahren hat. Kein einziger von denen hätte unter Kaiser Wilhelm Minister werden dürfen. Josef Fischer auch nicht - erst recht nicht als "Joschka". Wen wundert es da, daß Verkehrs- und Bauminister Manfred Stolpe Kirchenjurist ist, Bundesministerin für Gesundheit und Soziale Sicherheit Ulla Schmidt Lehrerin für Sonderpädagogik, Ministerin Renate Schmidt, zuständig für Familie, Frauen, Senioren und Jugend Programmiererin (ohne Studium) - und weitere Minister fallen mir nicht ein, die sind einfach zu farblos. Aber bestimmt alle Koryphäen in ihrem jeweiligen Fachgebiet. Hoffe ich. Wenn schon nicht als Minister, dann bestimmt in ihrem angestammten Beruf. Also in jenem, den sie aufgegeben haben, um Minister zu werden.

Falls jemand in diesem Absatz ein paar Namen vermißt hat: Otto Schily ist natürlich als ehemaliger Terroristenanwalt ein ausgewiesener Fachmann für Sicherheitspolitik, Brigitte Zypries weiß als Juristin durch ihr Referendariat am Landgericht, womit sich die Justiz befaßt und Renate Künast ist als Soziologin und Juristin bestimmt eine geeignete Verbraucheranwältin. Was beweist, daß, sofern es genügend Ministerien gibt, schon allein aus Gründen der Wahrscheinlichkeitsverteilung das eine oder andere doch einmal mit jemand besetzt wird, der eine berufliche Grundeignung dafür mitbringt. Sogar 2004, in unserem freiheitlich-demokratischen Staatswesen.

Wirtschaft

1904 hatten wir ein vernünftiges Wirtschaftswachstum. Zwar gab es auch im Kaiserreich von 1871 - 1913 gelegentliche Wirtschaftskrisen, aber diese wurden schnell überwunden und es ging ungebrochen aufwärts. Das Reich konnte sich Renten- und Krankenkassen leisten und die Versorgung ausbauen. Man überlegte, den 8-Stunden-Tag einzuführen. 2004 rätseln wir, ob wir eine Rezession haben und wenn ja, seit wann. Wenn das Stichwort "vernünftige Wachstumsraten" fällt, denkt ein Deutscher an Bundeskanzler Adenauer, aber bestimmt nicht an Bundeskanzler Schröder. Dank der überragenden Erkenntnisse von amerikahörigen Wirtschaftswissenschaftlern sorgen deutsche Unternehmen für kräftiges Wirtschaftswachstum in Ungarn, Tschechien oder China. Dafür streichen wir in Deutschland die Leistungen bei der Rente (außer bei Politikern, natürlich). Bei Ärzten zahlen wir inzwischen Eintritt (es sei denn, wir sind Politiker). Und wir überlegen, zur 45-Stunden-Woche zurück zu kehren.

Demokratie

1904 gab es rudimentäre Ansätze zur Demokratie. Natürlich war die Regierung nicht vom Volk gewählt, sondern vom Kaiser eingesetzt. Das Volk wählte nur die Parlamente, die diese Regierung kontrollierten. Im Parlament saß eine bunte Mischung aus verschiedensten Parteien und Splittergruppen, welche die verschiedensten Interessen des Volkes repräsentierten. Die Richter hingegen waren Staatsbeamte, deren Karriere von höheren Staatsbeamten abhing, bis hinauf zum jeweiligen Landesherrn. Damals hatte man die drei Gewalten der reinen Demokratie-Lehre tatsächlich getrennt. 2004 ist man viel weiter. Mit einer Sperrklausel hat man die Zahl der Parteien auf das unvermeidbare Minimum reduziert. Die wahlberechtigten Bürger dürfen dann jene (Berufs-)Politiker wählen, die ihnen von den Parteigremien vorgesetzt werden. Jene Parteigremien suchen sich auch den Bundeskanzler aus und sorgen dafür, daß ihre Mitglieder als Minister oder in sonstigen Funktionen Posten erhalten. Oder auch schon mal, daß ein Richter befördert wird, falls er das richtige Parteibuch hat. 2004 ist also alles aufs Beste geregelt und der Wille des Volkes wird immer und überall beachtet. Da es nur ein Volk gibt und das nur einen Willen hat, wieso sollte man da noch Gewalten trennen? Schließlich haben wir fürsorgliche Parteigremien, die sich um das alles kümmern. Auch um das, was das Volk wollen soll.

Landesfürsten

1904 hatte Bayern einen König und eine Gesandtschaft beim Vatikan. 2004 hat Bayern Edmund Stoiber und ein Staatspalais in Brüssel. Die bayerischen Könige bauten Kunsthallen und Schlösser, der Ministerpräsident eine Staatskanzlei. Die wird zwar selbst in hundert Jahren kein Touristenmagnet wie Neuschwanstein, aber dafür wird darin gearbeitet. Der Kaiser mußte sich zwar ab und zu mit den Landesfürsten herumärgern, aber Preußen als allergrößtes Reichsland hielt treu zu ihm. Auch deshalb, weil der Kaiser im Nebenberuf König von Preußen war - und damit Landesherr. Bundeskanzler haben es da viel schwerer. Helmut Kohl war ein ehemaliger Landesherr und sein Nachfolger verlor das Land an die Konkurrenz. Gerhard Schröder war ein ehemaliger Landesherr und sein Nachfolger verlor das Land an die Konkurrenz. Anders als der Kaiser ist der Kanzler nicht im Zweitberuf König oder Landesfürst. Dafür darf er sich die Hälfte seiner Zeit mit den Landesfürsten herumschlagen. Selbst wenn die seiner Partei angehören. Folglich erbringt der Bundeskanzler eine viel größere Leistung als der Kaiser. Und die Landesfürsten wissen, was sie an ihm haben. Spätestens wenn sie abgewählt werden. Da hat der Kanzler nämlich Austragsposten anzubieten.

Geld

1904 war Gold das Maß des Geldes. Zwar druckte die Reichsbank ihre kleinen Kunstwerke für den Zahlungsverkehr, aber diese Banknoten verbrieften nur den Besitz einer bestimmten Menge Goldes. Im Prinzip war das Papiergeld der Kaiserzeit vergleichbar mit den Biermarken für das Oktoberfest. Eine Firma kauft Marken, gibt diese als Gutscheine an die Mitarbeiter weiter und diese können dafür Bier trinken gehen. Oder sie auf einer Internet-Auktion verscherbeln und wieder zu Geld machen. Letzteres konnte die Reichbank gerade nicht: Geld machen. Da nur Gold wirklich Geld war, konnte sie nicht mehr Scheine ausgeben, als sie Gold im Tresor hatte. Deshalb änderte sich von 1871 bis 1914 fast nichts an den Verbraucherpreisen. Inflation war ein Wort, das nur Theoretiker kannten. 2004 ist Geld das, was die Europäische Zentralbank (EZB) als solches deklariert. Die bunt bedruckten Kunstwerke der EZB sind kraft Gesetz Zahlungsmittel und damit Geld. Die EZB kann soviel Geld drucken, wie sie Papier bekommt. Macht sie natürlich nicht, keine Sorge. Sind ja alles verantwortungsvolle Menschen, die Hüter unseres Geldes. Sie könnten es, sicher, ganz im Gegensatz zur Reichsbank 1904. Aber sie tun es gar nie nicht, wie man in Bayern sagt. Und Inflation? Äh, ja. Ein wenig Inflation ist doch nicht schlimm. 1,5% Inflation ist echt wenig, oder? Zwar doppelt so viel, wie sie bei vielen Banken als Zinsen auf Ihr Spargeld erhalten (0,75%), aber auch damit kann man leben. Daß sich bei 1,5% Inflation in jenen 44 Jahren, in denen im Kaiserreich der Wert des Geldes absolut stabil geblieben ist, der Wert Ihres Geldes fast halbiert, gehört ebenfalls zu den Segnungen der neuen Zeit.

Wir sehen, die Demokratie hat uns ungeheure Fortschritte gebracht. Kein Mensch käme auf den Gedanken, das Rad der Zeit zurückzudrehen und sich Verhältnisse wie 1904 zu wünschen. Heute ist einfach alles besser und wir leben im besten aller deutschen Staaten - hat man mir gesagt.


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