004 - Würzburg

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31306 004 - Würzburg - tarman 06. April 2012 00:09:58

Es gibt in Deutschland eine nette kleine Stadt. Das heißt, es gibt natürlich viele nette kleine Städte, aber ich meine eine ganz spezielle. So eine kleine Großstadt, wie es in Deutschland eine ganze Anzahl gibt. Ich spreche von Siegen. In Siegen gibt es eine Unterstadt. Dort steht ein schickes neues Einkaufszentrum, in der Art, die unsere amerikanischen Freunde "Shopping Mall" nennen. Das ist eine große Wandelhalle mit einer Anzahl Geschäften auf einer oder mehreren Etagen. Solche Malls sind in den USA beliebt, also bauen wir so was auch in Deutschland. Der Stadtrat von Siegen erteilte die Baugenehmigung, denn eine Neuansiedlung von so vielen Geschäften versprach Arbeitsplätze. Und den Bürgern ein angenehmes Einkaufserlebnis, denn die konnten fortan von Geschäft zu Geschäft lustwandeln, ohne sich den Unbilden des Wetters wie Regen, Schnee oder zuviel Sonne auszusetzen.

Siegen hat aber auch eine Oberstadt. Diese ist älter und das historische Stadtzentrum. Da gab es alles, was ein Stadtzentrum so ausmacht. Ja, auch Behörden, aber ich meine ein Kaufhaus (von Karstadt) und eine Menge seit Generationen eingesessener Geschäfte. Optiker, Metzger, Bäcker... eben ein richtiges Stadtzentrum. Aber eben nicht überdacht. Und nicht so schick wie die neue "Shopping Mall" in der Unterstadt.

Die geschätzten Kunden bevorzugten den Reiz des Neuen. Ist ja auch bequemer, denn man stellt sich auf den Parkplatz und kauft ein, ohne sich um Fußgängerzonen und Parkscheinautomaten kümmern zu müssen. Gut, es kamen noch Management-Fehler hinzu, nicht von der Karstadt-Filiale in Siegen, sondern von dem hoch bezahlten Abkassierer in der Zentrale, der die ganze Kette herunter gewirtschaftet hat. Beides zusammen sorgte dafür, daß dieses Kaufhaus schließen mußte. Damit fiel der letzte Magnet weg, der Kunden in die Oberstadt lockte. Wer bisher auf dem Heimweg von Karstadt noch ein paar Brötchen kaufte, besorgte sich diese jetzt in dem schicken Einkaufszentrum in der Unterstadt. Was dazu führte, daß Geschäfte, die zwei Weltkriege und zwei Inflationen überstanden hatten, nun für immer ihre Türen schlossen.

Davon abgesehen hat Siegen einen gigantischen Nachteil: Es läßt sich nicht mit einem Interkontinental-Flieger ereichen. Man müßte mit dem Auto fahren - oder mit dem Zug. Für reisefreudige Stadträte und sonstige Parlamentarier eine Zumutung. Mangels Erreichbarkeit können die Abgeordneten demnach nichts von Siegen lernen. Kleine Untertanen wie ich, die solche Reisen selbst bezahlen müßten, brauchen auch nicht hin, weil das alles im SPIEGEL stand.

Städte in der Größe von Siegen gibt es eine ganze Menge in Deutschland. Eine davon wurde dieses Jahr 1300 Jahre alt. Würzburg hatte das groß gefeiert und die Oberbürgermeisterin erkannte man daran, daß sie fast immer ein Sektglas in der Hand hielt. Natürlich will eine solche Dame, die erst seit 2002 mit ihrem durchsichtigen Zepter regiert, der Stadt ihren Stempel aufdrücken. Einen aufwendig gebauten Kulturspeicher, den kaum jemand besucht und dessen Betrieb ordentlich Geld kostet, haben wir bereits. (Falls Sie von Würzburg bisher nur Festung, Dom, Residenz und Weinlokale kannten - den Kulturspeicher haben wir gut versteckt abseits von allen Orten hingebaut, an denen Touristen aufkreuzen könnten. Sollten Sie da wirklich hinwollen, fragen Sie sich durch. Er liegt hinter dem Heizkraftwerk am alten Hafen, gleich bei der ICE-Strecke.) Es muß also was Neues her. Eine Shopping-Mall, eine Veranstaltungshalle und ein neuer Busbahnhof. Das alles läuft unter dem Stichwort "Würzburg-Arcaden".

Der Stadtrat und die Oberbürgermeisterin (die mit dem Sektglas) verkündeten den staunenden Bürgern nur Gutes. Die Arcaden wären unverzichtbar für die wirtschaftliche Entwicklung der alten Stadt. Arbeitsplätze brächten sie und die Veranstaltungshalle... da könnte künftig das Deutsche Fernsehen "Wetten dass...?" oder den "Musikantenstadl" ausstrahlen. Außerdem gäbe es da eine Menge Parkplätze und so viele Geschäfte unter einem Dach. Und überhaupt, wenn wir das in Würzburg nicht bauten, würde das alles 30km weg auf der grünen Wiese entstehen.

Vielleicht hätte besser ich den ganzen Sekt trinken sollen. Genügend hoher Alkoholkonsum soll ja das Gedächtnis beeinträchtigen. Aber leider bin ich kein Oberbürgermeister und müßte meinen Sekt selbst bezahlen. So erinnere ich mich an jene ferne Vergangenheit, in der vor etwa 20 Jahren in Würzburg ein Kongreß-Zentrum gebaut wurde. Dieses Kongreß-Zentrum sollte eine schöne große Veranstaltungshalle bekommen, tauglich für große Fernseh-Sendungen. Jedenfalls haben die Damen und Herren Stadträte den Bau genehmigt und er ward errichtet. Schon bald danach geisterte das Gerücht von einer "Stadthalle" durch Würzburg, in der dann große Fernseh-Sendungen stattfinden könnten...

Als Bürger hätte ich eher verstanden, wenn jene Stadträte, welche die ganz offensichtlich zu klein geratene Halle im Kongreß-Zentrum genehmigt hatten, ihre Sitzungsgelder zurückbezahlt hätten. Aber solchen Anstand bringen wir ja kaum noch unseren Kindern bei. Wie sollen wir ihn dann von Erwachsenen fordern?

Natürlich ist in Würzburg alles ganz anders als in Siegen. Unsere Innenstadt blüht. Zwar kommt man dank großzügiger Fußgängerzonen am besten mit der Straßenbahn hinein, aber das ist auch besser so. Denn die Parkgebühren an Automaten oder in Parkhäusern sind hoch genug, um sich statt dessen den Straba-Fahrschein zu leisten. Zumindest für Singles und Ehepaare. Für Studenten sowieso, denn die müssen bei der Immatrikulation gleich ein Semesterticket dazu nehmen.

Die zukünftigen Würzburg-Arcaden liegen nicht nur im Trinkwasser-Einzugsgebiet, sondern auch gleich neben dem Bahnhof. Wer bisher mit der Straßenbahn in die Innenstadt fährt, fährt dann zwei bis drei Haltestellen weiter und ist schon in der schönen neuen Einkaufswelt. Wer mit der Eisenbahn nach Würzburg kommt, hat gerade hundert Meter Fußweg. Am besten haben es die Autofahrer. Dort wird es einen schönen großen Parkplatz geben und aller Ärger mit Parkscheinen fällt weg. Um einzukaufen braucht niemand mehr in die Innenstadt, da sind künftig die Touristen unter sich. Sollten diese den Kulturspeicher suchen, können sie in jedem Geschäft danach fragen. Die Verkäufer darin haben genügend Zeit, um das ausführlich zu erklären. Anständige Touristen kaufen dann noch für zwei Euro eine Pizzazunge als Marschverpflegung.

Jedenfalls erfüllt der Stadtrat uns Würzburgern mit den Arcaden und der Veranstaltungshalle einen Traum. Wir freuen uns hier alle schon darauf, unsere Oberbürgermeisterin, ihre Stellvertreter und ausgewählte Mitglieder des Stadtrats bei Wetten dass...? in der ersten Reihe sitzen zu sehen. Dafür brauchen wir unbedingt eine Veranstaltungshalle. Ich rufe dann meine Verwandten an und frage sie: Habt ihr es gesehen? Ja, die mit dem Sektglas ist unsere Stadtoberin. Ja, die Blonde...

Ich muß unbedingt anrufen, denn mehr als einmal werden solche Sendungen nicht aus Würzburg kommen. Unsere städtische Obrigkeit zeichnet das natürlich auf und führt diese Videos stolz den eigenen Enkeln vor, zum Beweis, daß sich die Veranstaltungshalle gelohnt hat.

Nach Gerichtsbeschluß dürfen heutzutage linke Demonstranten Transparente mit sich führen, auf denen steht: "Bomber Harris, do it again!". Wäre der britische Luftmarschall Harris ein Deutscher gewesen, wäre er in den Nürnberger Prozessen bestimmt in der ersten Reihe auf der Anklagebank gesessen. Der erfolgreiche Bombardierer wehrloser Flüchtlinge und Zivilisten war übrigens der einzige hochrangige britische Militär, der nach Kriegsende nicht in den Adelsstand erhoben wurde. Würzburg wurde von seinen tapferen Jungs am 16. März 1945 zu ca. 90% zerstört. 14 Tage später marschierten die Amerikaner ein. Die Stadt bekam damals den Namen "das Grab am Main". Diese Zerstörung einer Lazarettstadt gegen Kriegsende stand immer im Schatten der Bombardierung Dresdens, bei der wesentlich mehr Menschen umkamen, doch gemessen an der Größe der Stadt ist sie vergleichbar.

Aber wir brauchen Marschall Harris nicht zu bemühen. Er kann gerne dort bleiben, wo es schön warm ist. Diesmal besorgt das der Würzburger Stadtrat ohne fremde Hilfe. Es gibt in der Innenstadt von Würzburg ein großes Kaufhaus, den Kaufhof. Der ist zwar deutlich besser gemanagt als der Siegener Karstadt, aber wenn bei Kaufhof die Kunden ausbleiben, wird sich auch deren Konzernleitung überlegen, ob sich die Filiale in Würzburg noch rentiert. Schon in den letzten 20 Jahren haben viele alteingesessene Geschäfte in Würzburg geschlossen. Oh, es fanden sich neue Pächter und die Innenstadt lebt. Noch! Aber wenn ein verkehrsgünstiger Kundenmagnet alles unter einem Dach anbietet, wird das die Innenstadt spüren.

Wenn sich eines Tages alle Stadträte im Fernsehen bewundert haben, werden auch ARD und ZDF kaum noch ihre Gebührenzahler vor Ort in Würzburg beglücken. Dann ist die schöne Veranstaltungshalle so wenig ausgelastet wie das Kongreß-Zentrum. Vielleicht gelingt es der Stadt oder dem Träger der Halle, dort Veranstaltungen zu organisieren. Das aber bekommen die kleinen Theaterbühnen in Würzburg zu spüren, die jetzt noch eine blühende Kulturlandschaft bilden. Auch das defizitäre Mainfranken-Theater (ehemals Stadttheater, aber von der Stadt allein nicht mehr zu bezahlen) bekommt dadurch ernsthafte Konkurrenz.

Man braucht gar nicht nach Siegen zu fahren, um dies zu studieren. Es reicht die Kenntnis von "pädagogischen" Spielzeugen für Zweijährige vollkommen aus. Wenn man zwei Steinchen und zwei Förmchen hat, kann man in jedes Förmchen ein Steinchen legen. Bekommt das liebe Kindchen jetzt noch ein weiteres Förmchen, so bleibt eines der drei Förmchen leer. Was der Zweijährige begreift, kann ein Dreijähriger bereits erklären.

Aber es geht auch für die Frau Oberbürgermeisterin: Aus einer Flasche Sekt (0,7l) kann man 7 Sektgläser ausschenken (á 0,1l). Hat man jedoch zehn Gäste, dann füllt man der Frau Oberbürgermeisterin und ihrem Stellvertreter, dem Herrn 2. Bürgermeister, die Gläser bis zum Rand und gibt allen anderen Gästen nur ein halbes Glas. Oder man holt eine zweite Flasche. Mit dieser zweiten Flasche argumentiert der Stadtrat gerne: Wenn Würzburg dank der neuen Würzburg-Arcaden so attraktiv wird, kommen viele Leute von außerhalb.

Äh, ja. Nur verteuerten die bösen Regierigen in Berlin unser Benzin mit ihrer Ökosteuer, die noch böseren Ölscheichs halten ihre Hände immer weiter auf und die bitterbösen Spekulanten wollen an jedem Tropfen noch mehr einstreichen. Die "Leute von außerhalb" kaufen zuerst - ja, außerhalb. Da, wo sie jeden Tag vorbeifahren. Hab ich doch auch gemacht: Als ich in Marktbreit gearbeitet habe (ca. 20 km südöstlich von Würzburg), bin ich jeden Tag durch Ochsenfurt, Eibelstadt und Randersacker gefahren. Und habe dort angehalten, wenn ich einkaufen wollte. In Würzburg habe ich die Supermärkte auf der grünen Wiese besucht, davon gibt es drei zur Auswahl. In die Innenstadt bin ich nur dann gefahren, wenn ich etwas brauchte, was es da draußen nicht gab. Hätte es damals die Arcaden gegeben, wäre ich natürlich dort hin und nicht in die Innenstadt.

Ich mag mich vielleicht nicht durch einen vorbildlichen Lebenswandel auszeichnen, aber so wie ich werden viele andere Leute handeln. Und meine Arbeitskollegen aus Marktbreit fuhren nach Würzburg nur dann wenn sie unbedingt dorthin mußten. Daran werden die Arcaden nichts ändern, wenn erst mal der Reiz des Neuen verflogen ist.

Ich formuliere es gerne noch einmal für Stadträte und Parlamentarier: Ein Bürger kann hundert Euro nur einmal ausgeben, egal wie viele Geschäfte sich um dieses Geld bemühen.

Anders als die Finanzminister, die bereitwillig Schulden aufnehmen, hat ein einfacher Untertan nur begrenzt viel Geld zur Verfügung. Diese Menge Geld ist überraschender Weise völlig unabhängig von der Anzahl der Geschäfte. Anders ausgedrückt: Geld, das ich in den Würzburg-Arcaden ausgebe, fehlt in den Kassen der alteingesessen Würzburger Geschäfte Severin, Duttenhöfer oder Uhren-Endres. Ganz einfach, oder?

Da die Bürger von Würzburg die Grundlagen dieser Arithmetik durchaus begreifen, sollte am 5. Dezember 2004 ein Bürgerbegehren gegen dieses Projekt stattfinden. Der Stadtrat setzte dagegen ein Ratsbegehren FÜR diese Arcaden. Am 11. November begann in Würzburg nicht nur der Fasching, es kam auch die Nachricht, daß der Betreiber für die geplante Veranstaltungshalle abgesprungen sei, weil dieser mehr Geld (Subventionen) von der Stadt haben wollte. Der Stadtrat hält damit das Bürgerbegehren für hinfällig, da die Pläne derzeit auf Eis lägen. Aber man verhandele weiter...

Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt... wie an eine Aushebelung der demokratischen Rechte des Bürgers. Und ein noch größerer Schelm ist, wer denkt, daß die Damen und Herren Stadträte von diesen schönen Arcaden noch mehr hätten als Plätze in der ersten Reihe bei beliebten Fernsehsendungen...


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