Re: 012 - Deutschstunde - HTML-Test


Zukunftsforum


Geschrieben von tarman am 15. April 2012 02:50:58:

Als Antwort auf: 012 - Deutschstunde geschrieben von tarman am 06. April 2012 00:16:33:

Deutschstunde


Vor langer Zeit gab es in Deutschland eine Sprache, deren Worte landesweit das gleiche bedeuteten. Doch das war zu jener Zeit, als sich Politiker noch nicht der Sprache angenommen hatten. Oder der Rechtschreibung. Nun, ich erhebe hier keinen Anspruch darauf, ein deutsches Wörterbuch zu verfassen. Ich möchte nur den Sinn von ein paar Worten erklären, über deren Bedeutung heftig gestritten wird.


Reform


Das bedeutete einmal, daß etwas Altes, Überholtes durch eine überdachte, neue Regelung verbessert wurde. Als die preußischen Armeen oft genug von Napoleon (dem Ersten) geschlagen worden waren, führte Preußen eine Heeresreform durch. Dieses reformierte Heer verdrosch den dann amtierenden Napoleon (den Dritten) erfolgreich, also hatte sich die Reform gelohnt. Auch die in Deutschland so beliebte Währungsreform hat sich gelohnt. Zumindest die von 1948, die uns die D-Mark brachte. Die von 2002, die uns diese D-Mark wieder wegnahm, war nicht so erfolgreich. Aber das war ja auch keine Reform, hat man uns gesagt.


Unter Willy Brandt waren Reformen sehr beliebt. Wer damals so jung war wie ich, freute sich über diese Reformen, denn jede Reform brachte positive Veränderungen mit sich. Dachte ich damals jedenfalls. Heute überlege ich manchmal, wie Deutschland aussähe, hätte es 1969 einen Bundeskanzler Strauß gegeben.


Jedenfalls hat das Wort "Reform" heute eine andere Bedeutung als 1969. Heute bedeutet es, eine lieb gewordene Regelung durch ein bürokratisches Ungeheuer zu ersetzen, das mehr kostet und weniger nutzt, als die Regelung, die dadurch ersetzt wird. Wobei darauf geachtet wird, daß die Kosten der Reform vor allem auf die weniger gut betuchten Mitbürger fallen.


Bei der Gesundheits-Reform wurde die Horst-Seehofer-Gedächtnis-Gebühr eingeführt, das Eintrittsgeld beim Arzt. Damit sollte Geld im "Gesundheitssystem" eingespart und sogar die Kassenbeiträge reduziert werden. Nun, da sich heute kaum noch jemand zum Arzt traut, könnte tatsächlich etwas gespart werden. Aber zum Ausgleich haben die Pharma-Firmen die Preise erhöht. Ärzte werden nach einem ausgeklügelten Punktesystem bezahlt, das sie ziemlich unabhängig von der tatsächlichen Anzahl der Patienten macht. Die Beiträge der Krankenkassen wurden jedoch nicht gesenkt. Da müssen erst mal Schulden abgebaut werden. Ach ja - und die Vorstände brauchen neue Dienstwagen.


Die alten Arbeitsämter wurden zu Bundesagenturen für Arbeit reformiert. Falls sich noch jemand an Herrn Florian Gerster erinnert - das war der große Reformator, der als ersten Reformerfolg ein doppelt so hohes Gehalt einstrich wie sein Vorgänger. Dies war so großzügig bemessen, daß selbst sein Nachfolger Frank-Jürgen Weise nicht mehr fordern mußte. Um für seine Berater ein kreativitätsfördendes Ambiente zu schaffen, ließ Herr Gerster auch die Vorstandsetage seines Dienstsitzes renovieren. Ansonsten leisteten die neuen Bundesagenturen ungefähr so viel wie die alten Arbeitsämter. Zumindest, wenn man die Vermittlungserfolge betrachtet. Aber das war vor Hartz IV. Diese Reform müssen sie erst mal verkraften.


Politiker


In den frühen Tagen meines Sozialkunde-Unterrichts wurde mir beigebracht, daß Politiker mutige Männer seien (damals gab es noch weniger Frauen in politischen Ämtern als heute), die am Ruder unseres Staatsschiffes stünden und es aufopferungsvoll durch schwere Zeiten steuerten. Ach, wie so gerne habe ich dem gelauscht und in kindlicher Einfalt das Bild vom Guten im Menschen, das für mich noch früher Sankt Nikolaus verkörperte, auf diese Leute übertragen. Ich bin sogar in eine Partei eingetreten, habe in diversen Wahlkämpfen mitgearbeitet und ganz fest daran geglaubt, für DIE GUTEN einzutreten. Ja, es gab damals auch andere Politiker. Bei anderen Parteien, deshalb waren das jedoch nicht DIE GUTEN. Weil die es eben nicht konnten.


Leider brachte das wechselvolle Schicksal dann auch mal DIE GUTEN an die Regierung. Da konnte ich dann feiern und mich des Lebens freuen. Bis dann... ja, bis die nächste Legende zerstört wurde. Nach Christkind, Osterhase und Sankt Nikolaus mußte ich mich damit abfinden, daß es auch DIE GUTEN nicht gibt. Zumindest nicht unter den Politikern.


Damit es zukünftige Sozialkunde-Lehrer einfacher haben, erkläre ich dem geneigten Leser die Tätigkeit eines Politikers. Politiker sind Leute, die sich - gerne auch mit Rasierklingen in den Ellbogen - in Ämter vorkämpfen, für die ihnen jede Voraussetzung fehlt, sie auszufüllen. Dort schwingen sie dann als Laiendarsteller Sonntagsreden und verkünden jene Weisheiten, die ihnen die Parteioberen oder die Ministerialbeamten eingetrichtert haben. Dabei halten sie ihre Taschen nach allen Seiten offen und nehmen mit, was sie nur kriegen können. Ganz legal, versteht sich. Läßt sich schließlich ein Skandal absolut nicht mehr vertuschen oder klein reden, gehen sie bestens mit mehreren Pensionen versorgt in den Ruhestand. Im Ruhestand können diese fähigen Leute natürlich nicht still ihr dem Volk abgepreßtes Geld verprassen. Nein, da müssen diese Herrschaften noch arbeiten. Aber bitte nicht dabei anstrengen. Also als Berater, Aufsichtsräte oder Werbedarsteller - eben Jobs, wo es für wenig Arbeit und wenig Können viel Geld gibt. Wie sie es von der Politik gewohnt sind.


Deutsch


Das war einmal die hiesige Landessprache. Gewiß, sie war zu allen Zeiten Infiltrationen ausgesetzt. Es gab Zeiten, da hat man sie mehr oder weniger erfolgreich verteidigen wollen. So wurde aus dem Trottoir erfolgreich der Gehsteig, aus der Nase hingegen erfolglos der Gesichtserker. Ich sage auch nichts gegen technische Begriffe, die sich so eingebürgert haben. Vermutlich werde ich noch in 20 Jahren die Strg-Taste an meinem Computer als Control-Taste bezeichnen, wie sie vor der Eindeutschung auch auf DIN-Tastaturen hieß. Ich frage mich jedoch, wieso geistlose Fernsehmoderatoren (gibt es auch andere?) ihr Publikum "voten" lassen, anstatt es zur Abstimmung aufzufordern. Früher wurden Mitarbeiter informiert, heute "gebrieft". Wobei "brief" so viel wie "kurz" heißt. Entsprechend uninformiert gehen die Mitarbeiter auch aus solchen "Briefings". Manager (die ehemaligen "leitenden Angestellten") besuchen (oder "attenden"?) Meetings. Früher waren das Besprechungen, aber da kam zu viel dabei heraus. Deshalb trifft man sich heute nur noch ("to meet").


Englische Begriffe sind völlig in Ordnung, wenn sie durch die natürliche Entwicklung so eingeführt wurden. Jeder darf gerne sein Mountain-Bike fahren und muß nicht aufs Berg-Fahrrad umsteigen. Aber gutes Deutsch durch schlechtes Englisch zu ersetzen, nur um von den eigenen Bildungslücken abzulenken, sollte sogar unter dem Niveau von Fernsehleuten sein.


Innovation


Dieses Wort stand einst für Neuerung, insbesondere für Erfindung. Ganz einfach ausgedrückt, entwickelten kluge Leute etwas, das mutige Leute finanzierten und wenn zufriedene Kunden das begeistert gekauft haben, wurden sie alle reich. Eine lohnende Innovation besteht also aus drei Teilen. Bei Aspirin hat das so hervorragend geklappt, daß die Firma Bayer damit noch heute gutes Geld verdient. Wie viel sie damit verdient, merkt man, wenn man das Aspirin von der Firma Bayer in einer Apotheke im Ausland kauft. Dort ist es wegen der weiten Transportwege gerne mal um zwei Drittel billiger als in einer deutschen Apotheke. Diese Preis-Innovation haben die deutschen Konzernoberen begriffen.


Aber Aspirin ist eine Geschichte aus dem vorletzten Jahrhundert. Im letzten Jahrhundert lief das mit den Innovationen ein klein wenig anders. Da haben kluge Leute in Deutschland das Fax-Gerät entwickelt. (Ja, das ist ein Parade-Beispiel.) Oder eine Magnet-Schwebebahn. Beim Fax-Gerät gab es in ganz Deutschland keine mutigen Leute, die das bauen wollten. Die Japaner waren mutiger und - verdienten einen Haufen Geld damit. Den Wert eines solchen Gerätes kennen die Konzernbosse mittlerweile. Deshalb stehen in deren Vorzimmern überall Fax-Geräte. Die Magnetbahn wollte in Deutschland auch niemand bauen. Statt dessen gab man eine Menge Geld aus, um ICE-Strecken zu errichten. Für den gemischten Betrieb, damit auch Güterzüge darauf fahren können. So wird der Streckenkilometer nämlich besonders teuer und der ICE fährt darauf nicht ganz so schnell wie er könnte. Die Franzosen haben für ihren TGV eigene Bahngleise gebaut, auf denen nur diese Züge fahren - mit voller Geschwindigkeit. Das kommt billiger. Billiger wäre es auch gekommen, statt der ICE-Strecken gleich Transrapid-Strecken zu bauen. Aber das wäre ja eine Innovation gewesen. Den Transrapid hätten wir überall hin verkaufen können, weil er seine Kinderkrankheiten im Betrieb auf deutschen Strecken abgelegt hätte. Ob die Chinesen uns noch mehr davon abnehmen, steht in den Sternen. Aber keine Sorge, in 20 Jahren können wir Maglev-Strecken aufbauen. Der Maglev ist das japanische Gegenstück zum Transrapid. Bis man bei uns entschieden hat, ob wir einen Transrapid vielleicht doch brauchen, sind die einst hoffnungslos abgehängten Japaner besser. Die verdienen dann damit richtig Geld.


Seit in Deutschland "Manager" am Ruder sind, die nach amerikanischem Vorbild nur auf Quartalsergebnisse starren, statt auf das Wohl der Firma zu achten, sind Innovationen unmodern. Innovation bedeutet nämlich, daß ich als Manager die Entwicklung finanziere - was meine Ergebnisse verschlechtert, denn ich trage die Kosten - und mein Nachfolger die Gewinne einfährt - und ein hervorragendes Ergebnis abliefert. Deshalb lieber keine Innovationen. Bitte nicht. Reines Teufelswerk, sowas.


Geil


Dieses Wort ist einfach nur... äh, ja, geil. Einstmals war es in besseren Kreisen tabu, es zu verwenden wies den Betreffenden als ungeschlachten Kerl aus. Heute weiß kaum noch jemand, was ein ungeschlachter Kerl ist, aber geil ist sehr vieles. Zum Beispiel Geiz. Oder geizen beim Sex. Denn damit hatte das Wort ursprünglich zu tun. Kinder bekommen ist eben nicht geil. Aber was soll's. Sterben wir aus und finden eben das geil. Jedenfalls ist das Wort modern und Multimillionär Dieter Bohlen benutzt es gern und häufig. Aber der hat auch das Wort "Penisbruch" salonfähig gemacht. Früher hätte man ihn dafür vermutlich als ungeschlachten Kerl bezeichnet.


Komiker


Vor vielen, vielen Jahren gab es einen Komiker, der hieß Herbert Hisel. Der arbeitete schon in den 60ern mit Multimedia, was heißt, es gab ihn auf allen damals verfügbaren Medien. Also Single-Schallplatten, Langspielplatten und Compact-Cassetten. Im Fernsehen trat er nur ganz selten auf, die große Zeit der Blödeleien hat "Herbatla" nicht mehr erlebt. Jou werkli. (Ja wirklich - sein bekanntester Spruch). Er starb als Komiker, wie Karl Valentin und Lisl Karlstatt. Mit dem, was eine einzige Single von Herbert Hisel enthält, könnte ein Harald Schmidt zehn Sendungen bestreiten und noch einzelne Gags an Anke Engelke abgeben. Dafür kassiert Herr Schmidt für eine Sendung mehr als Herbert Hisel für zehn Singles.


Heute wäre Herbert Hisel natürlich kein Komiker, sondern ein "Commedian". Das sind so Leute wie Otto Waalkes, Mike Krüger, Jürgen Busse und Thomas Gottschalk, die ständig im Fernsehen auftreten und ihre beste Zeit längst hinter sich haben. Wie bitte? Thomas Gottschalk ist gar kein Commedian? Stimmt - der hat sich hier nur reingedrängt. Das macht er gerne, sich überall reindrängen. Wann haben Sie den letzten Fernsehabend ohne Gottschalk erlebt? Oder ohne den anderen Werbe-Tausendsassa Günther Jauch? Das muß zu Zeiten von Herbert Hisel gewesen sein, als Komiker noch mehr konnten als den Klamauk der heutigen Commedians.


Nebenverdienst


Einstmals war ein Nebenverdienst das Zeichen eines hart arbeitenden Mannes, der seiner Familie etwas bieten wollte und dafür nach Feierabend einem zweiten Job nachging. Inzwischen muß dieser Familienvater froh sein, wenn er überhaupt noch einen Arbeitsplatz hat. An die Möglichkeit, nebenbei etwas zu verdienen, braucht er gar nicht zu denken. Abgesehen davon, daß das ein normaler Arbeiter mit 40-Stunden-Woche gar nicht schafft. Er würde sich nämlich im Nebenjob verausgaben, und das mag sein Haupt-Arbeitgeber gar nicht.


Nebenverdienste gibt es nur noch für Politiker und Fernseh-Millionäre. Wenn also Thomas Gottschalk oder Günther Jauch neben ihren einträglichen Moderatoren-Jobs noch in der Werbung abkassieren, dann ist das ein einträglicher Nebenverdienst. (Hatte ich die beiden heute nicht schon mal erwähnt? Also, diese beiden drängen sich wirklich überall hinein!) Aber schließlich ist Werbung ja auch Fernsehen und wenn diese Herren bei der Konkurrenz anzeigen, daß es Zeit ist für eine Pinkelpause, dann hat ihr sonstiger Brötchengeber bestimmt nichts dagegen. Jeden Chef freut es, wenn seine bestbezahlten Mitarbeiter nebenher bei der Konkurrenz mit abstauben...


Bei Politikern sind Nebenverdienste inzwischen üblich. 370 der 603 Abgeordneten im Bundestag hat man bereits erwischt. Aber das hat natürlich keine Konsequenzen. Schließlich sind diese Damen und Herren laut eigenen Angaben mindestens 70 Stunden pro Woche "für Deutschland" tätig. Da bleibt genügend Zeit, um nebenher noch richtig Geld zu verdienen. Entschuldigung, das ist ein sehr beliebter Fehler im Deutschen. Der feine Unterschied zwischen "verdienen" und "bezahlt bekommen" wird selten beachtet. Also, Bundestagsabgeordnete sind Leute, die das 30-fache eines Hartz-IV-Empfängers bezahlt bekommen. Bei so kärglichen Einnahmen haben sie ihren Nebenverdienst doch verdient, oder?


Aber sind es wirklich nur 370 von 603 Abgeordneten, die sich etwas dazu bezahlen lassen? Das sind ja nur gute 60% von denen... Wenn hingegen in den Nachrichten das Parlament gezeigt wird, sind zumeist nur zehn Prozent der Abgeordneten zugegen. Vermutlich weil die anderen im Nebenjob so richtig ranklotzen müssen. Nur leider gelten die Gesetze, welche die Hinzu-Kassierer beschließen, für das ganze Volk. Falls da mal jemand auf Abhilfe sinnt - einfach nur hier („Vorschlag einer Parlaments-Reform“, vom 27.10.2004) nachlesen. Und an mein Berater-Honorar (siehe „Copyright“, am Ende dieses Textes) denken, denn so ein kleiner Nebenverdienst wäre auch mir willkommen.


Science Fiction


Mein Lieblingsautor ist Hans Dominik. Ach, den kennen Sie nicht? Der lebte von 1872 bis 1945 und schrieb Zukunftsromane. Ja, wirklich. Also deutsche Science Fiction. Das Wort Zukunftsroman hat sich überlebt. Das klingt so... deutsch. Und deutsch war auch eine Fernsehserie namens Raumschiff Orion. Die kennen Sie aber? Unsere amerikanischen Freunde haben zur selben Zeit mit "Raumschiff Enterprise" experimentiert und sind damit auf den Bauch gefallen. Anders als unsere deutschen Fernsehgewaltigen, die eine erfolgreiche Serie wie Raumpatrouille nach sieben Folgen einstellen und vergessen, hatten die Amerikaner Mut zur Innovation (zu diesem Wort - siehe oben). Nach einer angemessenen Pause haben sie die Besatzung ihrer Enterprise ausgewechselt und statt Käpt'n Pike Käpt'n Kirk auf die Reise geschickt. Und dann Picard, Sisko, Janeway, Archer... jedenfalls produzieren unsere amerikanischen Freunde eine Staffel nach der anderen und verdienen richtig Geld an den Filmrechten. Was hätte aus Raumschiff Orion werden können unter amerikanischer Leitung? Aber wenigstens wiederholen unsere Fernsehoberen die Serie ab und zu. Also ein bißchen Geld bringt selbst die noch ein.


Die Helden von Hans Dominik waren Ingenieure und Naturwissenschaftler. Folglich waren in meiner Jugendzeit Atomphysiker für mich Leute, mit denen sich der liebe Gott beriet, wenn er den Lauf der Dinge regeln wollte. Später habe ich erfahren, daß Atomphysiker alle Verbrecher sind, deren Kraftwerke uns auf Jahrzehntausende verstrahlen und außerdem die Feldhamster vertreiben, die früher auf dem Gelände des heutigen Kraftwerkes gelebt hatten. Überhaupt ist Gewalt gegen Atomanlagen und Atomtransporte Pflicht. Immer schön auf die Polizisten einprügeln, die solche Anlagen des Todes bewachen. Und zu Hause freuen wir uns über den billigen Strom aus französischen Kernkraftwerken...


Vielleicht habe ich als Autor von Science Fiction und studierter Naturwissenschaftler eine andere Einstellung zu dieser Literatur. Ja, es handelt sich um reine Fiktion, also um etwas, was nur erdacht wurde und kein Fünkchen Wahrheit enthält. Aber eines enthält ein Zukunftsroman: ein Bild einer möglichen Zukunft. Wenn in Deutschland Zukunftsromane erdacht, geschrieben und veröffentlicht werden, dann zeigt das, daß wir an eine Zukunft glauben und uns dafür interessieren. Wenn ein Zukunftsroman nur einen einzigen jungen Mann dazu bringt, Ingenieur zu werden, hat sich dieser Roman bereits gelohnt. Wir leben in einer Welt, die von Technik und Wissenschaft bestimmt wird. Ob wir das gut heißen oder nicht. Ohne Technik und Naturwissenschaft könnten wir nicht so leben, wie wir es heute tun. Auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland lebten im Mittelalter ohne jede Technik gerade mal 20 Millionen Menschen. Das heißt, drei von vier Menschen in Ihrem Heimatort leben nur deshalb, weil es die Technik gibt. Sind Sie über 40? Im Mittelalter wären Sie damit schon eine Ausnahme. Eben uralt. Also genau das, was ein Personalchef von Ihnen denkt, wenn er Ihr Alter in der Bewerbung liest.


Mit Ausnahme einiger Heftserien gibt es keine nennenswerte deutsche Science Fiction mehr. Was bei uns auf den Markt kommt, stammt zumeist aus den USA. Anders ausgedrückt, wir beziehen unsere Zukunftsvisionen von dort. Weil wir - oder unsere Verlagshäuser - nicht den Mut haben, eigene Zukunftsvisionen zu entwickeln. Für die deutsche Zukunft ist das alte Raumschiff Orion ein gutes Sinnbild. Schwarzweiß, nach sieben Folgen eingestellt, für ewig verschrottet. Wie großartig schaut dagegen die amerikanische Zukunft aus? Die Kirksche Enterprise war so primitiv wie McLanes Orion. Aber heute ist alles bunt, die Raumschiffe sind elegant... und es werden immer neue produziert.


Armes Deutschland.


Manipulation


Das war früher ein echtes Pfui-Wort! Roch nach Erich Mielke, nach Überwachungsstaat. Heute ist Manipulation urdemokratisch. Ob nun unsere amerikanischen Freunde interessante Bilder über die Massenvernichtungs-Waffen von Saddam Hussein vorführen und damit einen Kriegsgrund schaffen - oder ob unser Fernsehen auf allen Kanälen die gleichen Bilder ausstrahlt. Haben Sie für die Flut in Südasien gespendet? Ja? Lehnen Sie sich zurück und fühlen Sie sich gut. In Afrika verhungern jedes Jahr viel mehr Menschen wegen Bürgerkrieg und Dürre. AIDS ist dort eine Volkskrankheit, Medikamente, die das Leben verlängern, sind zu teuer. Aber keine Sorge, Sie haben wenigstens für Asien gespendet. Da waren (und sind derzeit noch) die Bilder viel spektakulärer. Eben fernsehgeeignet.


Früher saß bei der Ziehung der Lottozahlen immer ein Notar im Studio. Aber da gab es ja auch noch Fernseh-Ansagerinnen. Heute braucht man keinen Notar. Wozu auch? Dank der Tricktechnik könnte jede Zahlenkombination gezogen werden. Die Computer sind heute leistungsfähig genug, um bis zur Ziehung alle Lottoscheine auszuwerten - schließlich sind diese alle erfaßt. Dann könnte das Fernsehen aus 20.000 aufgezeichneten Ziehungen die gerade passende ausstrahlen, die dafür sorgt, daß der Jackpot wieder ein wenig höher wird. Höherer Jackpot bedeutet mehr Lottospieler, damit mehr Einnahmen und höherer Gewinn für die Lottogesellschaften - also den Staat. Wird das gemacht? Nein. Das glaube auch ich nicht. Aber es ist mittlerweile möglich. Und daran sollten wir denken.


Ein Ur-Demokrat wie Winston Churchill hat einmal gesagt, er traue keiner Statistik, die er nicht selbst gefälscht habe. Ein Un-Demokrat wie Erich Mielke hat Statistiken gefälscht, aber eben nicht professionell. Deshalb hat der andere Erich, sein Chef Honecker, immer so überzeugend die Wahlen gewonnen. 99%... das schafft ja nicht einmal die CSU. Dabei genügt es doch, 50,01% zu haben. Ganze 6.000 Stimmen haben uns eine zweite Kanzlerschaft von Gerhard Schröder beschert. Und nach der Wahl wollte sich keiner erinnern, dem seine Stimme gegeben zu haben. Aber keine Sorge, das ging alles mit rechten Dingen zu. Also ich habe ihn nicht gewählt. Falls Sie mir das glauben. Denn meinen Wahlzettel kennt niemand. Und dank des einfachen Kreuzes hätte ich ihn nicht mal selbst wieder erkannt.


Ach ja, Statistik. Früher fragte man, wem solche Fälschungen nützen. Nun, die USA und Großbritannien sind im Irak, also hat die Fälschung der Geheimdienste dem Militär-Budget genutzt. Und Kaiser Joschka Fischer ist mit großem Abstand der beliebteste deutsche Politiker. Ganz ehrlich. Denn wer hätte wohl welchen Nutzen davon, wenn er diese Zahl manipulierte? Aber vielleicht stimmt auch das. Edmund Stoiber bekam bei seiner letzten Wahl ein Drittel der Stimmen der bayerischen Wähler. Folglich regiert er jetzt mit Zwei-Drittel-Mehrheit. Ganz legal. Warum? Weil die Hälfte der Wähler keine Lust hatte, irgend etwas zu wählen. Und wenn 90% der Deutschen Politiker nicht ausstehen können, dann kann es sein, daß der Rest seinen Josef wirklich heiß und innig liebt. Ein paar müssen es ja schließlich sein. Wie einst bei Mielke. Da gab es Leute, die wirklich Honecker gewählt haben. Ehrlich. Auch wenn sie sich heute nicht mehr daran erinnern können.


Anstand


Wann haben sie zuletzt das Wort "Anstand" im Zusammenhang mit Politikern oder Managern gelesen oder gehört? Also bei mir war das in den späten Sechzigern. Das ist so lange her, daß ich nur noch vermuten kann, daß sich dieser Satz auf die Vergangenheit bezogen hatte. Ging es damals um jene Politiker, die 1933 gegen das Ermächtigungsgesetz von Adolf Hitler gestimmt hatten? (Das berühmte: "Gebt mir vier Jahre Zeit!") Aber das ist wirklich sehr lange her. Aber das Wort Anstand gibt es noch in der deutschen Sprache. Das Wort "Bering" auch, das bezeichnet eine Burgumwallung und kam außer Mode, als niemand mehr Burgen baute. Das Wort Anstand kam auch aus der Mode. Sicher, ich könnte es erklären. Negativbeispiele dafür gibt es genug. Positive... Ach, schlagen Sie besser im Lexikon nach.




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